Klimagipfel: Wie Gletscherschmelze in Alpen auf das Wasser wirkt
Ein Gletscher ist ein natürlicher Schwamm, der Wasser speichern und unabhängig von der Jahreszeit wieder abgeben kann. Das Verschwinden dieser Funktion wegen der Gletscherschmelze hat schwer vorherzusehende Auswirkungen, u. a. auf die Wasserqualität, das Grundwasser und die Stromerzeugung, sagte der Klimaforscher Thomas Stocker von der Uni Bern am Freitag bei einer Diskussion im Rahmen des Klimagipfels in Wien. Aktuell ergriffene Schutzmaßnahmen seien "unzureichend".
Das Ziel der zweitägigen Veranstaltung, zu der die Päpstliche Akademie der Wissenschaften und die Päpstliche Akademie der Sozialwissenschaften gemeinsam mit europäischen Partnern geladen hatten und die an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand, war es, Strategien für Klimaanpassung und Resilienz auf lokaler und regionaler Ebene zu entwickeln. Am Freitagvormittag standen u.a. die schwindenden Gletscher im Fokus.
Hierzulande habe das Verschwinden der Gletscher beispielsweise Auswirkungen auf die Wälder, sagte Klimaforscher Keywan Riahi: Das gerade im Frühjahr und im Sommer fehlende Wasser beeinflusst die Hydrologie und führt zu mehr Trockenheit. Diese wirkt sich wiederum negativ auf Wälder aus, die durch die steigende Hitze sowieso vulnerabler sind. "Die Beschleunigung des Waldsterbens durch den Verlust der Gletscher und seiner hydrologischen Seiteneffekte ist ein typisches Beispiel für sogenannte Kaskadeneffekte. Das heißt aber nicht, dass das jetzt überall in genau dieser Form passieren wird", so der Programmdirektor am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien zur APA.
Auswirkungen auf weiter unten liegende Flüsse
In der Schweiz musste unterdessen die Stromerzeugung von zwei nuklearen Kraftwerken, die Flusswasser zur Kühlung benutzen, bei hohen Außentemperaturen zurückgefahren werden. Nachdem weniger Wasser flussaufwärts vom Gletscher kommt, ist die Temperatur des Flusswassers höher und eine weitere Erhitzung im Rahmen der Stromerzeugung würde den Fischbestand gefährden. "Die Schmelze auf über 3.000 Meter Höhe hat also eine Auswirkung auf die viel weiter unten liegenden Flüsse", erklärte Stocker.
Zudem ist das Wasser, das weltweit von schmelzenden Gletschern in die Ozeane fließt, der zweitgrößte Beitrag zum Anstieg der Meeresspiegel, so Stocker im Rahmen der Expertenrunde.
Alpen mit großem Potenzial für die Energiewende
Aktuelle Maßnahmen zum Erhalt der alpinen Gletscher sind hingegen "unzureichend", sagte Stocker. Die Alpenkonvention, ein internationales Übereinkommen zum Schutz des Naturraumes der Alpen, hätte etwa den Verkehr reduzieren sollen, werde aber wegen finanziellem Druck praktisch nicht mehr implementiert.
Als Ansatzpunkt, um den Verlust der Gletscher entgegenzusteuern, befürwortet Riahi hierzulande eine intensive nationale Diskussion zum Thema Zonierung, also der Aufteilung des alpinen Raums in Bereiche mit verschiedenen Funktionen, sowie Maßnahmen in diesem Bereich. "Wir müssen Gebiete identifizieren, in denen wir Biodiversität priorisieren, genauso wie solche, in denen erneuerbare Energien rasch ausgebaut werden können", sagte er. "Insgesamt haben die Alpen dabei ein sehr großes Potenzial."
Wegen der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und ihrer Lieferketten haben Preissteigerungen in diesem Bereich in den vergangenen Jahren viel Wohlstand gekostet. "Hätten wir früher gehandelt, wären diese Effekte nicht so massiv gewesen. Solche Vorteile der Energiewende müssen in den Vordergrund gerückt werden", so Riahi.