Kraftwerk-Umgehungsgerinne sind wertvoller Lebensraum für Fische
Naturnahe "Umgehungsgerinne", durch die Fische Wasserkraftwerke an der Donau, der Drau und dem Inn umschwimmen können, helfen den Wasserbewohnern enorm, berichteten Forscher bei einem "Science Talk" des Verbund in Wien. Sie nutzen solche Gewässer nicht nur als Umleitung bei den Staustufen, sondern auch als hochwertigen Lebensraum. Mit zusätzlichen Veränderungen könnte man solche Revitalisierungsmaßnahmen allerdings noch effektiver gestalten, so die Experten.
Christoffer Nagel von der Technischen Universität München hat etwa am Inn die Bewegungen der Fische mittels Funk-Antworte-Sendern (engl.: passive integrated transponder - PIT) verfolgt. Dazu fängt man die Tiere, narkotisiert sie und setzt ihnen mittels Hohlnadel einen etwa Bleistiftminen-großen Chip ein, erklärte er: "Damit ist eine lebenslange Beobachtung eines Individuums möglich." Das funktioniert mittels Funkantennen, die in den Gewässern angebracht werden. Jedes Mal, wenn der gechippte Fisch daran vorbeischwimmt, wird er vom System erkannt und das Treffen dokumentiert. Montiert man in Fischaufstiegshilfen zwei Antennen, weiß man zudem, aus welcher Richtung ein Fisch kommt und wie lange er sich darin aufhält, so der Forscher.
Gechippte Nasen, Aitel und Huchen wandern den Inn rauf und runter
Mehr als zwei Millionen Mal sind die bisher 21.500 markierten Fische verschiedenster Arten bereits an den Empfänger-Antennen registriert worden, berichtete Nagel. Der größte davon ist ein 1,2 Meter langer Huchen, am weitesten stromaufwärts gewandert wäre ein Aitel, und zwar 90 Kilometer in dreieinhalb Monaten. Die längste vermerkte Reise den Inn hinunter habe eine Nase unternommen: Sie legte 71 Kilometer in 25 Tagen zurück.
Mit fünf solcher PIT-Antennen hat Michael Schabuss vom Ingenieurbüro Profisch verfolgt, inwiefern die größte Fischwanderhilfe Europas um das Laufkraftwerk Ottensheim-Wilhering genutzt wird. "Dieses Umgehungsgerinne ist gleichsam ein naturnaher Fluss", sagte er: "Es mäandert vierzehn Kilometer lang um das Kraftwerk, ist bis zu 25 Meter breit und überwindet eine Höhendifferenz von zwölf Metern." Man hat beispielsweise mit flachen Ufern und Kiesinseln "wunderschöne Habitate für die Fische gebaut", schwärmte der Experte: "Zusätzlich wurden die Zubringerflüsse in das System integriert, nämlich die Aschach und der Innbach."
Nasen verbringen Monate in naturnaher Fischaufstiegshilfe
Insgesamt hat Schabuss mit Kollegen 1.400 Fische aus 29 Arten von oberhalb und unterhalb des Kraftwerks markiert, erklärte er: "Zum Beispiel Nasen, die in der Donau bei ihrer Laichwanderung bis zu hundert Kilometer zurücklegen, und früher so häufig waren, dass sie die Bauern dann mit der Mistgabel 'herausgestochen' haben, um sie zu verzehren oder damit die Felder zu düngen." Sie seien leider viel seltener geworden, weil sich der Lebensraum durch Flussregulierungen und die Abtrennung der Nebengewässer stark verschlechtert habe.
Die Forscher konnten anhand der Aufzeichnungen an den PIT-Antennen erkennen, dass die Nasen im Frühjahr von unten (stromabwärts) in das Fischwanderhilfe-Gewässer einwandern. "Sie verbringen viel Zeit darin, und nutzen das System mehrere Monate lang als Lebensraum, um dann auf demselben Weg wieder in die Donau zurückzukehren", berichtete Schabuss: "Auch 42 Prozent der Nasen von oben nutzen das System inklusive der Zubringerflüsse längerfristig, nämlich im Durchschnitt 94 Tage." Sie verschwinden in den meisten Fällen wieder dorthin, wo sie hergekommen sind, nämlich in die Donau stromaufwärts. "Die Fische nutzen die Fischwanderhilfen also nicht nur als Korridore, um schnell von A nach B zu kommen, sondern es gefällt ihnen dort", erklärte er: "Das Überwinden der Staumauer ist für sie demnach sogar weniger wichtig, als ein geeigneter Lebensraum, der dort geschaffen wurde."
Revitalisierungsmaßnahmen können noch verbessert werden
Barben brauchen Kiesbette im Fluss zum Ablaichen, und damit sehr gut verbundene Aufwachsgebiete für die Larven, fand Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin mit Modellberechnungen und Feldversuchen beim Kraftwerk Egglfing-Obernberg am Inn heraus. Dort wurde ein großes Umgehungsgewässer mit Nebenarm und Insel am linken Flussufer geschaffen. Für die Barben ist dies ein guter Laichplatz. "Die Schwimmleistung ihrer Larven ist allerdings deutlich kleiner als die Fließgeschwindigkeit des Gewässers", berichtete Wolter. Sie werden abgedriftet und schaffen es auch nicht, den Fluss zu überqueren. "So können sie ausschließlich die linksufrigen Brutaufwachshabitate nutzen", sagte er. Dort sind nur ein Drittel der geeigneten Gebiete. Die zwei Drittel auf der anderen Flussseite sind sprichwörtlich aber nicht tatsächlich "für die Fische".
Deshalb rät der Experte, dass auch auf der rechten Innseite geeignete Laichplätze für die Barben geschaffen werden. "Dann könnten laut unseren Berechnungen mindestens 95 Prozent der Brutaufwachsplätze genutzt werden, anstatt der derzeitigen 33 Prozent", sagte er: "Dies wird nun tatsächlich geplant und gemacht."
Drau ist seit 2024 fischdurchgängig, die Donau bald
Die Drau ist seit dem Vorjahr für Fische frei passierbar, auch die Donau bis auf wenige Ausnahmen, berichtete Achim Kaspar (Verbund). Diese Ausnahmen wie etwa bei den Kraftwerken Jochenstein und Ybbs-Persenbeug sind "besonders herausfordernd", sagte Walter Reckendorfer (Verbund): "Dort gibt es Engtäler, sowie Straßen und Bahnlinien direkt an den Ufern." Die Aufstiegshilfen müssten dadurch "wirklich direkt durch die Kraftwerke durchgehen", sagte er. Dies könne man etwa mit Fischschleusen bewerkstelligen, oder mit "Fischschnecken". Das sind große Rohre mit innenliegenden Windungen, durch die Wasser hinauf transportiert wird, und damit die Fische. Außerdem gibt es "Fischlifte", wo tatsächlich wie bei einem Lift für Menschen unten die Türen aufgehen, die Fische hineinschwimmen, mit einem Korb nach oben transportiert werden, wo wiederum ein Torsystem den Weg ins Oberwasser freigibt. Auf diese Art soll die Donau im Jahr 2027 in Österreich komplett fischdurchgängig sein.
Service: Verbund-Projekte zur Renaturierung: https://power.verbund.com/de/projekte/renaturierung
(Dies ist eine entgeltliche Veröffentlichung des VERBUND im Rahmen einer Medienkooperation. Die redaktionelle Letztverantwortung liegt bei APA-Science.)