Gürtelroseimpfung könnte vor Demenz schützen
2013 startete in Wales ein Impfprogramm gegen den Gürtelroseerreger (Herpes zoster), das nicht für über 80-Jährige gedacht war. Ein Forscherteam mit Wiener Beteiligung analysierte nun, ob es sieben Jahre später zwischen bei der Impfung knapp Nicht-80ern und fast gleichaltrigen Nicht-Geimpften einen Unterschied bei Demenzdiagnosen gab. Tatsächlich scheint die Impfung gegen das Virus, dem ein Effekt auf die Bildung von Demenz nachgesagt wird, einen gewissen Schutz zu bieten.
Bei der Impfkampagne handelte es sich aus Sicht der Wissenschafterinnen und Wissenschafter um Pascal Geldsetzer von der Stanford University (USA) um ein "natürliches Experiment": Denn da der heute nicht mehr produzierte Impfstoff ("Zostervax") für Über-80-Jährige nicht zugelassen war, kam es zu der Situation, dass viele Menschen, deren Geburtstage nur wenige Tage oder Wochen auseinander lagen, das Vakzin gegen das Varizella-Zoster-Virus erhielten oder eben nicht. Denn: Waliser, die ihren 80er vor Anfang September 2013 gefeiert hatten, waren von dem Programm ausgeschlossen.
Diskussion über Beiträge von Viren bei Alzheimer und Co
Eine mehr oder weniger zufällige Gabe eines potenziellen Wirkstoffes an eine Gruppe an Menschen, die sich nicht systematisch voneinander unterscheiden, ist auch die Grundlage von klinischen Studien - also künstlich, nach strengen Kriterien aufgesetzten Experimenten. Im Falle der Herpesimpfung in Wales konnte das Team, dem auch Simon Heß von der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien angehörte, für seine im Fachjournal "Nature" erschienene Arbeit auf Daten von rund 280.000 Menschen zwischen 71 und 88 Jahren zugreifen, die zum Start des Impfprogrammes nicht an Demenz litten. Der Schwerpunkt der Analyse lag auf geimpfte und nicht geimpfte Menschen, deren Geburtsdatum sich nur durch wenige Tage unterschied.
Viele Menschen tragen die Herpesviren, die zu den schmerzhaften Ausschlägen führen können, nach einer Feuchtblatterninfektion schon seit der Kindheit in sich. In den meisten Fällen schlummern sie dann im Nervensystem, um tendenziell in Zeiten großer Belastung oder in höherem Alter für spürbare Erkrankungen zu sorgen. Über die Ursprünge von Demenzerkrankungen - allen voran Alzheimer - wird bis dato viel gerätselt. Seit einiger Zeit diskutieren Forscherinnen und Forscher auch über mögliche Beiträge von Viren, die das Nervensystem betreffen. Erste Hinweise darauf, dass die Impfung gegen den Gürtelrose-Erreger ein Stück weit Schutz bieten bzw. den Demenz-Beginn hinauszögern könnte, gab es zuvor bereits in Untersuchungen, heißt es in einer Aussendung der Stanford University.
Rund 20 Prozent weniger Demenz-Diagnosen bei Geimpften
In den Daten aus Großbritannien fand man nun den ersten starken Beleg für so eine mögliche Nebenwirkung: Denn neben einer markanten Reduktion beim Auftreten der Gürtelrose in den sieben Jahren nach der Impfung, zeigte sich auch eine Veränderung bei den Demenz-Diagnosen. Unter jenen Personen, die das Vakzin bekamen, gab es rund 20 Prozent weniger Fälle als bei den nahezu Gleichaltrigen, die nicht geimpft wurden. Geldsetzer sieht in diesem Befund ein "starkes Signal für eine schützende Wirkung" - vor allem, da sich die beiden Gruppen tatsächlich hinsichtlich ihrer gesundheitlichen Vorgeschichte oder ihres Bildungsniveaus nicht statistisch signifikant unterschieden.
Ob es sich um einen Schutz- oder einen Aufschiebe-Effekt handelt, könne man nicht sagen. In den Daten klar ersichtlich ist hingegen, dass Frauen deutlich stärker profitierten, was möglicherweise daran liegt, dass ihr Immunsystem im Durchschnitt stärker auf die Impfung reagiert. Ob der Gesamteffekt auf eine Anregung des Immunsystems durch die Impfung, das Unterdrücken der Virusaktivität und der Krankheitsausbrüche oder andere Prozesse zurückzuführen ist, sei jedenfalls unklar.
Vielleicht Neuer Ansatz für Demenz-Prophylaxe
Nicht klar ist auch, ob das heute verimpfte Vakzin namens Shingrix - das im Gegensatz zum damals verabreichten Lebendimpfstoff nur spezifische Proteine des Virus enthält - auch ähnliche Auswirkungen auf Demenzerkrankungen hat. Da das Vakzin, das in Wales zum Einsatz kam, nicht mehr hergestellt wird, sucht das Forschungsteam nun nach Geldgebern und Pharmafirmen, die weitere Studien ermöglichen könnten. In Österreich ist eine Herpes Zoster- oder Gürtelrose-Impfung ab 50 zugelassen und wird ab 60 empfohlen.
Mit der neuen Publikation werde "erstmals direkt Evidenz geschaffen", dass eine Impfung gegen eine Viruserkrankung auch gegen "neurodegenerative Erkrankungen oder Demenz helfen könnte, was ein absolut neuer Prophylaxe-Ansatz wäre", wird Konstantin Sparrer vom Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen in Ulm vom deutschen Science Media Center (SMC) zitiert. Für Klaus Überla vom Universitätsklinikum Erlangen erfahren mit der Arbeit "die bisherigen Hinweise, dass Impfungen gegen Gürtelrose nicht nur vor der Gürtelrose schützen, sondern auch das Risiko von Demenz reduzieren" nun eine "wichtige unabhängige Bestätigung".
Service: https://doi.org/10.1038/s41586-025-08800-x